Mittwoch, 05. August 2020

Vor einer ungewissen Zukunft - Die Rhein-Neckar Löwen im Krisenmodus

erstellt am Montag, 04 Mai 2020
Die Rhein-Neckar Löwen halten sich trotz des Saisonabbruchs fit. Die Rhein-Neckar Löwen halten sich trotz des Saisonabbruchs fit. AS Sportfotos

sport-kurier. Machen Geisterspiele im Handball Sinn oder nicht?

Das war eine Frage, die in Deutschland lange im Raum stand. Doch wirklich begeistern konnte sich ein Großteil der 36 Profivereine aus der 1. und 2. Liga dafür nie.

Gezeigt hat sich das spätestens am 21. April. Er war der Tag der Entscheidung. An ihm wurden die beiden Spielzeiten im Ober- und Unterhaus offiziell wegen der Coronakrise abgebrochen. Nach einer Abstimmung aller 36 Vereine wurde die erforderliche Dreiviertelmehrheit deutlich überschritten. Der THW Kiel sicherte sich somit seine 21. deutsche Meisterschaft und die Rhein-Neckar Löwen qualifizierten sich als Tabellenfünfter immerhin noch für den internationalen Wettbewerb.

Doch wirklich glücklich hat die Gelbhemden das sicher nicht gemacht. Sie haben andere Sorgen, denn auch sie stehen vor einer ungewissen Zukunft. Obwohl sie zu den finanzstärkeren Clubs der Bundesliga zählen, setzt ihnen der Saisonabbruch schwer zu: Da man als Handball-Spitzenteam im Gegensatz zum Fußball so gut wie keine Einnahmen von den TV-Partnern generieren kann, steht und fällt der Etat mit den Zuschauer- und Sponsoren-Geldern. Und zumindest die Zuschauer-Einnahmen sind nun erst einmal weggebrochen.

Wer nun meint, dass dies alles hab so will wäre, weil die Saison ja bereits auf die Zielgerade eingebogen war, der verkennt die brisante Situation. Denn noch ist längst nicht klar, ob die neue Saison pünktlich beginnen, bzw. ob sie vor Zuschauern ausgetragen werden kann. Normalerweise startet die Handball-Bundesliga Jahr für Jahr Ende August in die nächste Runde, das wird dieses Jahr so aber wohl nicht gehen, schließlich sind Großveranstaltungen in Deutschland bis zum 31. August untersagt. Und momentan glauben nur die kühnsten Optimisten daran, dass diese Frist nicht noch einmal ausgedehnt wird.

 

Löwen-Geschäftsführerin Jennifer Kettemann. AS Sportfotos

Wie stark die Löwen von der Krise betroffen sind, zeigte sich kurz nach dem Saisonabbruch. Da verkündete der Verein nämlich, dass alle Spieler sowie die Mitarbeiter der Geschäftsstelle rückwirkend zum 1. April in Kurzarbeit gehen werden. "Uns eint das Ziel, die Löwen so gut es geht durch diese schwere Zeit zu bringen", erklärte Geschäftsführerin Jennifer Kettemann, "um das zu schaffen, brauchen wir eine gemeinsame Anstrengung. Diese haben wir nun auf den Weg gebracht."

Das war das offizielle Statement der Löwen-Managerin zum Eintritt in die Kurzarbeit. Nachvollziehbar war dieser Schritt sicherlich, schließlich sind die Spieler momentan gewissermaßen beschäftigungslos, da klar ist, dass die Saison nicht mehr starten wird. Trotzdem verwundert der Schritt ein wenig, eigentlich dachte man, dass die Löwen zu den Vereinen in der Bundesliga gehören, die andere Lösungen finden können und werden. Doch es ist eben offenbar nicht so, wie viele vermeintliche Experten an den Handball-Stammtischen gerne behaupten: Die Löwen werden nicht bedingungslos durch die SAP finanziell unterstützt. Sie müssen für sich selbst sorgen und genug Geld erwirtschaften, um über die Runden zu kommen.

Neben den finanziellen Sorgen läuft sportlich übrigens ebenfalls nicht alles reibungslos. Die Saison war insgesamt gesehen eine große Enttäuschung: In 26 Spielen setzte es 7 Niederlagen und reichte 4 Mal nur zu einem Unentschieden, was für die Ansprüche des zweifachen deutschen Meisters natürlich deutlich zu wenig war. Zu spüren bekam das der Trainer. Kristjan Andresson musste am 22. Februar 2020 seinen Hut nehmen. Mit diesem Schritt gestanden sich die Löwen auch selbst einen großen Fehler ein, schließlich sollte Andresson mit seinen 38 Jahren der Mann für die Zukunft sein.

 

Der Saisonverlauf war bei den Rhein-Neckar Löwen eher enttäuschend gewesen, bevor der Saisonabbruch kam. AS Sportfotos

Beerbt wurde er von einem verdienten Bundesligatrainer. Martin Schwalb, der mit dem HSV Hamburg große Erfolge gefeiert hat, übernahm. Und mit ihm war auch sofort ein Ruck innerhalb der Mannschaft zu spüren. Es ist sicher nicht unwahrscheinlich, wenn man sagt dass die Löwen bis zum Saisonende noch ein, zwei weitere Plätze gut gemacht hätten. Die Top 2, die sich am Ende für die so wichtige Champions League qualifizieren, waren aber schon zu weit weg.

Angenommen, die kommende Saison kann tatsächlich gespielt werden, reicht ein Martin Schwalb alleine aber nicht aus, um wieder im Bereich der Champions League Plätze landen zu können. Im Kader der Löwen befinden sich zu viele Baustellen. Als relativ wahrscheinlich soll gelten, dass Rückraumspieler Steffen Fäth, der nun schon seit längerem keine Rolle mehr bei den Löwen spielt, vor einem Wechsel steht. Ligarivale HC Erlangen wird hier immer wieder genannt.

 

Trainer Martin Schwalb vor Kamera und Mikrofon. AS Sportfotos

Fix ist bereits der Wechsel von Albin Lagergren zu den Löwen. Der Schwede steht noch beim SC Magdeburg unter Vertrag und hat schon bewiesen, dass er auf seiner Position im rechten Rückraum zu den besten der Liga zählt. Wichtig wäre aber auch noch ein wurfstarker Rechtshänder für den linken Rückraum. Hier wird Weltmeister Mads Mensah den Verein im Sommer in Richtung Vizemeister Flensburg verlassen. Als Backup hätte man dann nur noch den besagten Fäth und Romain Lagarde, der in seinem ersten Löwenjahr ebenfalls weit hinter den Erwartungen geblieben ist.

Es ist nicht wegzudiskutieren, dass sich die Löwen neu aufstellen müssen, doch wer weiß, vielleicht bietet - auch wenn es hart klingt - gerade diese Krise die perfekte Gelegenheit dazu. Denn es ist davon auszugehen, dass in Kürze so mancher Konkurrent finanziell mit dem Rücken zur Wand steht und sich somit von Spielern trennen muss. Dass es die Löwen ähnlich hart treffen wird, erscheint eher unwahrscheinlich zu sein - Kurzarbeitergeld hin oder her.

 

 

Letzte Änderung am Montag, 04 Mai 2020

Handball