Donnerstag, 11. August 2022

Kocak beim SV Sandhausen +++ Der schmale Grat zwischen Frust, Zuspruch und Hoffnung bei den SVW-Fans

erstellt am Dienstag, 05 Juli 2016
Kenan Kocak für den SVW emotional an der Seitenlinie. So wird es nicht mehr sein - und daran können sich manche Fans noch nicht wirklich gewöhnen. Kenan Kocak für den SVW emotional an der Seitenlinie. So wird es nicht mehr sein - und daran können sich manche Fans noch nicht wirklich gewöhnen. AS Sportfotos

von Sportkurier. Es war ein Bild, an das man sich erst noch gewöhnen muss.

Kenan Kocak saß oben auf dem Pressepodium im Hardtwaldstadion, aber eben nicht in blau und schwarz, sondern in den Vereinsfarben des SV Sandhausen.

Zwischen Präsident Jürgen Machmeier und Manager Otmar Schork sprach er am Montag über seinen neuen Job, seinen Wechsel vom Alsenweg an den Hardtwald. Er redete viel, wirkte entschlossen und ungemein kämpferisch, aber eben auch nachdenklich. Was mit seinem Abschied vom SVW zusammenhing. Dass ihm der schwerfällt, war nicht zu übersehen. Gerade die Umstände nagen an ihm. Schließlich hatte der in Ilvesheim lebende Coach seinen Vertrag bei den Mannheimern erst kürzlich verlängert und viele Fans damit begeistert.

Kenan Kocak wurde mit seinem Team Meister der Regionalliga Südwest und stieg trotzdem nicht auf. Bild: AS Sportfotos

Doch so ist er eben, der Fußball, schnelllebig und so unberechenbar

Klar ist jedoch eins: Der Schritt von Kocak ist ein logischer. Für ihn ist es ein Sprung auf der Karriereleiter, quasi die Eintrittskarte für die große Bühne. Und wer den akribischen Arbeiter kennt, der weiß: Läuft alles halbwegs normal, wird auch Sandhausen nur eine Durchgangsstation sein, eine Art Sprungbrett auf dem Weg ganz nach oben in die Bundesliga.

Das wissen auch die Waldhof-Fans, viele gönnen ihm diese Chance deshalb auch. Aber es gibt auch andere: Hardliner, die ihn beschimpfen, auf der eigenen Facebook-Seite attackieren. Kocak könnte es mit einem Mausklick löschen, tat es - zumindest gestern - jedoch nicht. Das zeigt seine Größe und spricht für seine Charakterstärke. "Ich kann die Leute ja irgendwo auch verstehen. Ich hatte drei tolle Jahre beim Waldhof, ich werde diesen Verein immer in mir tragen. All das kann mir keiner mehr nehmen."

Und eigentlich ist die jüngste Entwicklung für den SVW vielleicht gar nicht die schlechteste. Sicherlich ist es ärgerlich und äußerst bitter, dass all das so kurz vor dem Saisonstart passiert ist, aber es gibt immerhin einen warmen Geldregen. Kocak, der in Sandhausen einen Zweijahres-Vertrag unterzeichnet hat, spült dem Traditionsverein rund 200.000 Euro in die Kassen. Solch einen Transfererlös gab es für den Waldhof schon ewig nicht mehr - und Geld kann man gut gebrauchen.

Sandhausens Präsident Machmeier (li.) und Manager Schork (re.) buhlten um die Gunst von Kocak. Der SV Waldhof erteilte seinem Trainer die Freigabe für den Zweitligisten. AS Sportfotos

Ein weiterer Vorteil der Kocak-Flucht ist wohl auch, dass es nach dem nur hauchdünn verpassten Aufstieg in die Dritte Liga nun tatsächlich einen echten Neuanfang gibt. Der könnte hilfreich sein, was ein Blick in die Vergangenheit zeigt. So war es für Vereine immer schwierig nach einer Enttäuschung wieder unter den gleichen Voraussetzungen zurückzuschlagen. Offenbach, das vor zwei Jahren in der Relegation an Magdeburg gescheitert war, lässt grüßen.

Kocak selbst hätte eigentlich auch fast nur verlieren können

Alles außer dem Aufstieg wäre ein Rückschritt gewesen. Und den im zweiten Anlauf zu packen, wäre ein ganz schmaler Grat geworden. Für den Waldhof bleibt nun die Frage: Wer wird's, wer beerbt den Baumeister der letztjährigen Meisterschaft?

Kandidaten gibt es einige. Vieles scheint für Gerd Dais zu sprechen. Das wäre was für Fußball-Romantiker: Dais schnürte von 1987 bis 1992, also zu den ruhmreichen Zeiten, für den SVW die Fußballschuhe. In 119 Spielen traf er 24 Mal. Aber ein echter Volltreffer wäre er nun wohl nicht: Dais steht nicht unbedingt für die moderne Art des Fußballs. Er denkt eher defensiv, allerdings mit Erfolg. Bei SV Sandhausen kann man ein Lied davon singen. Dais führte Sandhausen einst von der Oberliga bis in die Dritte Liga, um nach einer Pause dann nochmals zurückzukehren und den Hardtwald-Klub auch noch in die Zweite Liga zu hieven. Mal sehen, wie sich der SVW entscheidet.

Er befindet sich nun quasi auch in der Situation, in der sich Sandhausen befand. Auch die wurden verlassen: Alois Schwartz zog es trotz Treueschwüren zum Traditionsverein 1. FC Nürnberg. Ein Schock scheint es aber nicht gewesen zu sein. Vielmehr eine Art Befreiung. Denn Machmeier und Co. wollen mittlerweile mehr. Der Klassenerhalt alleine reicht offenbar nicht, es soll nun auch noch schöner Fußballer geboten werden. Mit viel Offensivdrang. Und den versprechen sie sich nun von Kocak.

Der neue Chefcoach der Sandhausener stand die letzten beiden Tage im Fokus der Journalisten. AS Sportfotos / Archivbild

Attraktiv und erfolgreich, das ist die Vorgabe für den Ex-Waldhöfer

Kann er das auch leisten? "Ich verfolge da eine klare Philosophie und will den Zuschauern in Sandhausen, aber auch in anderen Stadien, attraktiven Fußball bieten. Mit viel Leidenschaft und Kontrolle. Was ich versprechen kann ist, dass das Team alles geben wird, um erfolgreich zu sein und um den Verein zufriedenzustellen."

Eine gewagte These, schließlich kennt der 35-Jährige seine Mannschaft noch gar nicht. Er hat sie nicht zusammengestellt. Doch das sei kein Problem, sagt er und verteilt ein Sonderlob an den Manager: "Otmar Schork hat die Mannschaft wirklich sehr gut zusammengestellt, die Mischung aus jungen und alten Spielern stimmt. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit den Jungs. In der nächsten Zeit werden wir uns noch besser kennenlernen."

Bei all der Euphorie, der Druck auf Kocak wird groß sein. Er tritt in große Fußstapfen. Denn Schwartz hat es trotz seiner eher unattraktiven Spielphilosophie immer geschafft, was nicht Vielen gelingt: Er hat eine Mannschaft, die im Vorfeld stets zu den Abstiegskandidaten gezählt hat und für Zweitliga-Verhältnisse trotz Mini-Etat funktionieren musste, in der Liga gehalten.

Es gibt sicherlich leichtere Missionen - auch für so ein großes Trainer-Talent wie es Kenan Kocak ohne Zweifel ist.
    

Letzte Änderung am Dienstag, 05 Juli 2016

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