Donnerstag, 07. Juli 2022

Jacob Bruun Larsen: "Mentalität ist alles im Fußball"

erstellt am Mittwoch, 01 Dezember 2021
Jacob Bruun Larsen in Aktion. Jacob Bruun Larsen in Aktion. Bild: Siegfried Lörz

Jacob Bruun Larsen ist beeindruckend in die Saison gestartet: Vier Tore, eine Vorlage - und mit 34,88 km/h ist der Däne einer der schnellsten TSG-Profis in dieser Spielzeit.

Die Leistungssteigerung in dieser Saison führt der 23-Jährige auf die gute Kommunikation mit dem Trainerstab zurück - aber auch auf die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und den Austausch mit den Hoffenheimer Sportpsychologen.

In einem sehr ehrlichen Interview mit dem TSG-Vereinsmagazin SPIELFELD, das am Freitag (3. Dezember) erscheint, gibt der Däne Einblick in die mentalen Prozesse.

"Ich habe gelernt, die guten Phasen auch wirklich zu genießen sowie zu schätzen und nicht bereits wieder nach vorn zu schauen, was da noch kommen soll. Es zählt das Jetzt, das Morgen kommt sowieso", sagt der dänische Nationalspieler. Die Gespräche mit den TSG-Sportpsychologen schätzt der Außenbahnspieler, für den die mentale Hilfe kein Tabu-Thema darstellt: "Das ist auf allen Ebenen interessant, nicht nur als Fußballer. Die Besonderheit im Sport ist, dass man auf der großen Bühne performen muss, da benötigst du eine gewisse Klarheit im Kopf: um ruhig zu bleiben und die bestmögliche Leistung abzurufen. Zusätzlich ist in den vergangenen Jahren das Thema Social Media hinzugekommen. Da wird noch mehr diskutiert und bewertet als früher, als man einfach am Tag nach dem Spiel die Zeitung nicht gelesen hat. Diese Entwicklung kann Spieler, vor allem wenn sie noch sehr jung sind, mental sehr stark beeinflussen. Aber das ist nur ein kleiner Teil des Ganzen, auch Leistungsschwankungen oder Probleme mit dem Trainer können belastend sein. Mentalität ist im Fußball alles. Das muss ich so klar sagen."

Die eigene Entwicklung sowie Karriereverläufe früherer Mitspieler bestärken ihn in diesem Eindruck. Darum ist er froh, dass die TSG auf dem Gebiet eine Vorreiterrolle eingenommen hat: "Fußball wird in erster Linie mit dem Kopf gespielt. Und diese Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen, die Bedeutung der mentalen Stärke wird noch zunehmen. Darum finde ich es auch herausragend, dass die TSG so fortschrittlich arbeitet, das ist ein super interessantes Thema, das einen Spieler brutal entwickeln kann. Ich kenne das von mir, bevor ich regelmäßig mit den Sportpsychologen gesprochen habe, habe ich mir viel zu viele Gedanken gemacht. Druck, Konkurrenz, Spiele vor Fans - es gibt viele Einflüsse auf die Performance und es ist immens wichtig, sich selbst zu vertrauen. Spielt der Kopf nicht mit, sind auch die Beine machtlos."

Dass es in der Bundesliga wie auch in der Gesellschaft noch immer Vorbehalte gegen die Arbeit mit Psychologen gibt, kann Bruun Larsen deshalb nicht nachvollziehen: "Ich sehe das so: Man muss nicht krank sein, um zum Arzt zu gehen. Man kann auch nur Zweifel haben und sich einen Rat einholen. Ich bin auch nicht krank, aber ich spreche gern über die Dinge, die mich bewegen. Man lernt unglaublich viel über sich selbst, aber auch über andere Menschen und Situationen. Man darf auch nicht von sich erwarten, dass man alles weiß. Und wenn ich auf einem Gebiet etwas lernen möchte, muss ich mit einem Fachmann sprechen, der es besser weiß. Man hört ja auch auf den Trainer, weil er fußballerisch schlauer ist als man selbst. Darum lasse ich mich gern von einem Psychologen beraten. Es ist für mich, wie nach dem Training noch 30-mal aufs Tor zu schießen, um meinen Abschluss zu verbessern. Das ist Selbsttraining, es hilft mir und macht mich stärker."

Anhand der reflektierten Äußerungen wird schnell klar: Jacob Bruun Larsen hat schon viel erlebt - auf und außerhalb des Platzes. Der Umzug als Teenager nach Deutschland ("Ich hatte schon irgendwann den Eindruck, dass ich in die Vergangenheit gereist war. Dass man in der Schule nur mit Stift und Papier arbeitet und Texte schreiben sollte, hatte ich gefühlt vor zehn Jahren das letzte Mal gemacht.") sowie die Krebserkrankung seiner Schwester Line ("Ich habe damals gesagt: ‚Ich würde sofort mit dem Fußball aufhören, wenn meine Schwester wieder gesund sein könnte.') haben ihn früh geprägt.

Auch deshalb fühlt er sich nicht als Star und möchte sich niemals abgehoben präsentieren: "Wer in unserem Job keine fünf Minuten Zeit nach dem Training für die Fans hat, der ist in meinen Augen auch ein wenig unmenschlich. Es reicht nicht, nur auf dem Rasen ein Profi zu sein."

 

TSG 1899 Hoffenheim

 

 

 

 

 

 

Letzte Änderung am Mittwoch, 01 Dezember 2021

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